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            Die Geschichte El Salvadors wird seit der Kolonialzeit von charakteristischen Elementen geprägt, deren Darstellung die Ursachen des Bürgerkriegs in diesem zentral-amerikanischen Land deutlicher werden läßt. Der zentrale Konflikt, um den sich die Entrechtung der Bevölkerung, ihr Widerstand und die unweigerlich folgende Repression bewegen, ist die ungleiche Verteilung des Bodens. Mit der Enteignung der Ureinwohner in der Zeit der Kolonialisierung begann eine Entwicklung, die sich durch den Wandel El Salvadors zum Kaffeeexporteur zur sozialen Krise ausweiten und schließlich in der politischen Krise -im Bürgerkrieg- kulminieren sollte.

Farabundo Martí
Einer der Führer des Bauernaufstandes von 1932
Nach ihm benannte sich die Guerrillaorganisation und spätere Partei FMLN

1.      Von der Kolonialzeit bis zum "Fußballkrieg"

1.1.    Vorgeschichte und Eroberung

            Die Pipiles und Lencas, Stämme, die ursprünglich auf dem Gebiet des heutigen Mexiko siedelten, stießen im 9. Jahrhundert bis ins heutige El Salvador vor. Obwohl die genaue Her-kunft dieser Völker ungewiß ist, reihen sie sich in die Familie der Toltekenstämme ein, die zu dieser Zeit ganz Zentralamerika kolonisierten. Die Lencas wurden als der kleinere Stamm im Laufe der Jahrhunderte von den Pipiles absorbiert. Die Grundlage ihrer Kultur war der Mais. Der Boden befand sich in Besitz der Gemeinde, die ihn aber zum Bebauen an die einzelnen Familien verteilte. Das vulkanreiche Land auf dem sich die beiden Stämme im 9. Jahrhundert niederließen, nannten sie Cuscatlán, was in ihrer Sprache "Land des Glücks" bedeutet. Sie lebten vornehmlich in den klimatisch günstigen Gebieten mit fruchtbaren Böden. Wenige Kilometer südwestlich der heutigen Hauptstadt San Salvadors befand sich die bedeutendste Siedlung der Pipiles.

            Das Glück währte bis 1524, als die von Norden vorrückenden Spanier sich anschickten, das Land zu erobern. Pedro und Diego de Alvarado hatten von Hernán Cortés den Auftrag erhal-ten, die Pipiles zu unterwerfen. Doch diese setzten den rund 250 Spaniern und 5.000 ihrer verbündeten Indianerkrieger erbitterten Widerstand entgegen. In zwei großen Schlachten unter-lagen die Pipiles zwar den Spaniern, zogen sich aber ins Gebirge zurück und setzten den Kampf fort. Der zähe Guerrillakrieg fügte den Eroberern stetige Verluste zu. In einem dritten Anlauf unterwarfen sie sich das damalige Cuscatlán 1539 endgültig [1] . Allerdings besaß das Gebiet, wie auch das übrige Zentralamerika, für die Spanier kaum wirtschaftliche oder politische Bedeu-tung. Das Gold Perus und die Schätze Mexikos waren interessanter. Einziges Exportgut der 1524 ins "Generalkapitanat Guatemala" eingegliederten Kolonie war lange Zeit Kakao bis im 17. Jahrhundert der Farbstoff Indigo eine gewisse Bedeutung erlangte.

            Die Spanier errichteten ihr Herrschaftssystem im späteren El Salvador nach dem selben Muster wie in ihren anderen amerikanischen Kolonien. Die durch Krieg und Seuchen stark dezi-mierten Nachfahren der Pipiles mußten einen Teil ihrer Ernten an die spanischen oder kreolischen "Herren" abführen und auf deren Gütern Zwangsarbeit verrichten. Diese hatten sich kraft ihrer Waffen weite Teile des Landes angeeignet und ließen auf ihren haciendas Lebens-mittel für den regionalen Markt produzieren, mit denen das Heer und die Kolonialstädte unterhalten wurden. Erst später exportierte man bescheidene Mengen Kakao. Das Abhängig-keitssystem wurde mit dem euphemistischen Namen encomienda (Fürsorgschaft) bezeichnet. Kern der "Fürsorge" waren Missionsbestrebungen, die die Grundherren im Auftrag der katholischen Kirche unternahmen. Neben den unter Fürsorge befindlichen Ureinwohnern existierten "unabhängige" Gemeinden, die nicht in das encomienda-System einbezogen waren. Sie mußten Abgaben in Naturalien zahlen und waren weitgehend rechtlos. Das traditionell von der Gemeinde besessene Land unterlag keinem Schutz; diese Besitzform existierte offiziell nicht. Bei Interesse konnten es sich die Spanier völlig legal aneignen. Die durch den Verkauf der Abgaben erlösten Gewinne wurden zum Unterhalt des kolonialen Verwaltungssystems ver-wendet oder an die spanische Krone abgeführt.

            Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sich, ähnlich wie in anderen spanischen Kolonien, nach Macht und Rechtsstand unterscheidbare Schichten. Die oberste bildeten die Spanier, wel-che sich nochmals in die in den Kolonien geborenen Kreolen und die aus dem Mutterland gesandten Iberiker differenzierten. Sie besaßen die Macht, das Land und eine Reihe Privilegien. Eine Stufe tiefer standen die Mestizen, Mischlinge der indígenas mit den Spaniern und ihren Nachkommen. Sie arbeiteten in der Kolonialverwaltung, durften aber kein eigenes Land be-sitzen. Die indígenas bildeten die Basis der Gesellschaft. Sie befanden sich nach ihrer Rechts-stellung entweder unter "Protektion" oder waren "unabhängig" und zahlten Tribut. Durch die forcierte Christianisierung wurde ihre kulturelle Identität weitgehend zerstört. Die Heiligtümer wurden abgebrochen, die Kulte verboten. Einziges, bis in die heutige Zeit überlebendes Zeugnis der ehemals blühenden Kultur der Pipiles und Lencas sind die Ruinen von Tazumal in der Nähe von Santa Ana im Westen El Salvadors.

 

1.2.    Die Unabhängigkeit

            Im frühen 19. Jahrhundert kulminierten in weiten Teilen Lateinamerikas die schon vorher angelegten Konflikte zwischen Spanien und den Kreolen. Letztere mußten seit der Finanzreform der Borbonen immer höhere Steuern abführen [2] und wurden durch Handels-monopole in ihrer Wirtschaftstätigkeit beschränkt. Die Ereignisse in Frankreich und den englischen Kolonien Nordamerikas förderten das Entstehen einer Unabhängigkeitsbewegung. Die Ideen der Französischen Revolution faßten fuß [3] . Der Unabhängigkeitskampf der englischen Kolonien galt als vorbildhaft. Weitere Umstände wie Spaniens Schwäche zur Zeit der napoleon-ischen Besetzung begünstigten den Erfolg der Bewegung. Doch die ökonomischen Interessen der Kreolen waren die eigentliche Triebkraft. Indigo war im Laufe des 18. Jahrhunderts zum wichtigsten Exportgut aufgestiegen und wurde in beachtlichen Mengen angebaut. [4] Aber Spanien kontrollierte den Verkauf. Zum Interesse an einem freien Markt kam der Unmut über die stetig steigenden Steuern. Die ersten von kreolischen Großgrundbesitzern geführten Erhe-bungen von 1811 und 1814 scheiterten. Bis 1821 dauerten die Auseinandersetzungen an, ehe am 15. September desselben Jahres die Unabhängigkeitserklärung Zentralamerikas in Guatemala unterzeichnet werden konnte. Für die Großgrundbesitzer bedeutete sie in erster Linie die Befrei-ung von Handelshemmnissen. Großbritannien, das langsam zur neuen Hegemonialmacht in Lateinamerika aufstieg, wurde wichtigster Handelspartner Zentralamerikas.

            Doch mit der Unabhängigkeit kehrte in die zentralamerikanische Region kein Frieden ein. Innerhalb der Machtgruppen brachen Herrschafts- und Verteilungskonflikte aus, die starke Zentrifugalkräfte entwickelten. Kreolen und Mestizen spalteten sich zudem in zwei politische Lager: Liberale und Konservative. Ein kurzes Zwischenspiel auf dem Weg zu den noch heute bestehenden zentralamerikanischen Staaten war die Annexion des Gebietes durch Mexiko. Doch das angestrebte Großreich zerfiel, noch ehe sich seine Strukturen etablieren konnten. 1823 entstand aus den ehemals Guatemala unterstehenden Gebieten die zentralamerikanische Föderation. Am 22.11.1824 gab sie sich eine Verfassung. Auch dieses Gebilde sollte nur von kurzer Dauer sein. Interne Machtkämpfe zerrissen die Einheit. [5] Der Präsident der Föderation, General Francisco Morazán, versuchte zwar, die Widersprüche zu versöhnen, mußte damit aber ebenso scheitern wie mit seinem Versuch, liberale Reformen zu initiieren. 1838-39 brach die Föderation im Krieg auseinander. Morazán wurde erster Präsident der Republik El Salvador. Nachdem er durch Rafael Carrera gestürzt worden war, wechselten sich die mächtigsten Familien des Landes -allesamt Großgrundbesitzer- in der Präsidentschaft ab.

            Die Unabhängigkeit favorisierte die schon vorher privilegierten Kreolen und Mestizen nur noch mehr. Für die indígenas wirkte sie sich keineswegs positiv aus. Durch den vermehrten Anbau von Indigo wurden sie seit 1821 verstärkt von ihrem Land vertrieben. Erst in den letzten Jahrzehnten der Kolonialzeit war das Gemeindeland als legale Besitzform anerkannt worden. Außerdem war mit den ejidos eine neue Besitzform eingeführt worden. Kommunales Land wurde individuell bebaut. Nun galten die kolonialen Gesetze nicht mehr, und das Land konnte ungestraft enteignet werden. Die zunehmende Einbindung El Salvadors in den Weltmarkt, vor allem der Handel mit Großbritannien, dem El Salvador im Austausch mit Fertigwaren Indigo lieferte, wirkte sich negativ auf das kleine Handwerk aus der Kolonialzeit aus. Die Betriebe konnten mit den billigeren Fertigwaren aus Übersee nicht konkurrieren und gingen ein. Da El Salvador nicht soviel Rohstoff exportieren konnte, wie es Waren einführte, wies es eine negative Handelsbilanz auf, die eine steigende Staatsverschuldung nach sich zog. Diese ver-suchte man durch hohe, den indígenas auferlegte Steuern aufzufangen.

            Dies, die Enteignung von Gemeindeland und die damit oft verbundene Vertreibung ließ eine Widerstandsbewegung anwachsen, die in den Jahren 1832-33 im Aufstand der indianischen Bauern Nonualcos, einem Dorf im Departement San Vicente, gipfelte, der von Anastasio Aquino geführt wurde. Nachdem Aquino im April 1833 gefangengenommen und wenig später hingerichtet worden war, brach der Aufstand zusammen. Doch die Erinnerung an diese Erhe-bung wurde über Generationen bewahrt; für die Bauern ist Aquino noch heute ein Volksheld. Wir werden später sehen, daß die Volksbewegung ganz bewußt an diese Tradition anknüpft.

 

1.3.    Die Kaffeerepublik

            Die hohe Staatsverschuldung brachte nicht nur die Erhöhung der Steuern, sondern auch die Suche nach profitableren Anbaumöglichkeiten mit sich. Man experimentierte mit Kaffee, Vanille und anderen Pflanzen. Besonders der Kaffee sollte für die weitere Entwicklung des klei-nen zentralamerikanischen Landes entscheidende Bedeutung erlangen. Da mit dieser Pflanze hohe Gewinnspannen zu erzielen waren und Steuervergünstigungen ihren Anbau förderten (ab 1846 mußte ein Landbesitzer 10 Jahre keine Steuern zahlen und war zudem vom Militärdienst ausgenommen, wenn er mehr als 5.000 Sträucher pflanzte), weckte sie das Interesse der Grund-besitzer. Vor allem in den Lagen um 800 Meter Höhe, wo der Kaffee am besten gedeiht, setzte eine kontinuierliche Enteignung und Vertreibung sowohl der indígenas als auch der mestizischen Kleinbauern ein, die dort Grundnahrungsmittel für den eigenen Bedarf oder den nationalen Markt produzierten. [6] Ein Teil der Bauern ließ sich in den nördlichen, für den Kaffeeanbau wenig geeigneten Gebieten des Landes nieder [7] . Andere emigrierten nach Honduras, oder siedelten sich in den Städten als Handwerker an.

            Da der Kaffeeanbau sehr arbeitsintensiv war, benötigte man nicht nur geeignetes Land, sondern auch genügend verfügbare billige Arbeitskräfte, um Gewinne zu erzielen. In den Kaffeeanbaugebieten bildete sich das colon-System heraus, das darin bestand, kleine unfrucht-bare Parzellen an die Plantagenarbeiter zu verpachten, die dort die für ihre eigene Subsistenz nötigen Kulturen anbauten. Durch die Pacht waren sie ökonomisch vom Grundherren abhängig. Rechte besaßen sie keine. Mit einem Gesetz gegen Landstreicherei erhielten die cafetaleros 1882 die Möglichkeit, Bauern zur Arbeit zwangszuverpflichten. Die im selben Jahr erstmals bestellten "Friedensrichter" und die 1884 gegründete Policía Rural (Landpolizei) setzten die Zwangsmaßnahmen um. Mit diesem, höchste Ausbeutung garantierenden System wurde Kaffee zur dominierenden Anbaupflanze in El Salvador. [8] Einer kleinen Gruppe von Kaffeeproduzen-ten gelang es, ihre wirtschaftliche und politische Macht soweit auszubauen, daß sie eine Oligarchie begründeten. Diese wenigen Familien werden sich über Jahrzehnte im Präsidenten-amt abwechseln und somit die Geschicke des Landes bestimmen.

            Die Gewinne aus dem Kaffeeexport und das Streben nach noch höheren Profiten trugen zur Modernisierung des Landes bei. So wurde 1880 die erste Bank gegründet. Auch eine Infra-struktur zum Transport des Kaffees von den Plantagen zu den Häfen wurde nötig. 1889 begann die British Company mit dem Bau der ersten Eisenbahnlinie. Die Konzession zum Bau einer weiteren Linie wurde 1908 an eine nordamerikanische Kompanie vergeben. Die für die Verbin-dung des Ostens mit dem Westen wichtige Brücke "Puente de Oro" über den Río Lempa wurde gebaut. Um die Macht der Kaffeeoligarchie zu erhalten und gegen Aufstände gewappnet zu sein (die Erinnerung an die Erhebung von 1832 war noch sehr lebendig), wurde ein umfassender Repressionsapparat aufgebaut. 1889 wurde die Policía Rural in den Kaffeeanbaugebieten durch eine berittene Polizei ergänzt, die ab 1895 im ganzen Land operierte. 1912 wurde nach dem Vorbild der spanischen Guardia Civil mit dem Aufbau der Guardia Nacional begonnen.

            Anfang dieses Jahrhunderts setzte in den Wirtschaftsbeziehungen ein Wandel ein. Die USA, Frankreich und Deutschland wurden zu den wichtigsten Abnehmern von Kaffee. Großbritannien verlor dagegen an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Die USA errangen den Platz der Hegemonialmacht Lateinamerikas. [9] In der Landbevölkerung machte sich die Tendenz zur Angleichung der Lebensbedingungen der mestizischen und indigenen Bauern immer stärker bemerkbar. Das heißt konkret, beide Gruppen verelendeten immer mehr. [10] Unter der Dynastie Meléndez, die ab 1913 die Macht 18 Jahre in ihren Händen hielt, wurden Versuche zur Diversifikation der Produktion unternommen, in deren Verlauf eine kleine Textilindustrie entstand. Wie sehr der Kaffeeanbau die Wirtschaft des Landes weiterhin dominierte, wird daran deutlich, daß El Salvador ab den 20er Jahren Mais und Reis importieren mußte, weil die Fläch-en zum Anbau von Grundnahrungsmitteln durch die Monokultur Kaffee in Anspruch genommen wurden.

            Die erste Krise des oligarchischen Herrschaftssystems wurde durch die Weltwirtschafts-krise von 1929 und den damit verbundenen Verfall der Kaffeepreise ausgelöst. Um die Gewinne zu retten, wurden die ohnehin schon kümmerlichen Löhne gedrückt. Es kam zu Streiks; die Be-völkerung mobilisierte sich massenhaft gegen die unsoziale Politik; Interessenvertretungen der Landarbeiter entstanden. Schon 1924 war der erste wichtige Gewerkschaftsbund (der FRTS) gegründet worden. 1930 entstand neben mehreren anderen progressistischen Parteien auch die PCS, die kommunistische Partei El Salvadors. 1931 wurde die oligarchische Herrschaftsfolge zum ersten Mal durchbrochen. Der unabhängige Kandidat Arturo Araujo, ein Landbesitzer, der 1930 eine Arbeiterpartei nach englischem Muster gegründet hatte, gewann die Präsident-schaftswahlen. Doch schon im Dezember desselben Jahres wurde er durch den Putsch seines Vizepräsidenten, des Generals Hernández Martínez, gestürzt.

            1932 hielt man Kommunalwahlen ab, bei denen die PCS eine beachtliche Anzahl von Gemeinden gewinnen konnte. Doch dieses Ergebnis wollte die Oligarchie nicht hinnehmen. Sie sah ihre Macht an der Wurzel bedroht. Die Wahlen wurden annulliert. Daraufhin brach am 22. 1. 1932 ein Volksaufstand aus, der von der PCS vorbereitet worden war, und vor allem im Westen des Landes, wo die bedeutensten Kaffeeanbaugebiete lagen, großen Anhang fand. Farabundo Martí, der spätere Namensgeber der FMLN, war einer der Führer der Erhebung. Aber der Aufstand war verraten, ehe er noch richtig begann. Ein zu langes Zögern der Organisatoren bewirkte ein übriges. Bei seiner brutalen Niederschlagung durch die Streitkräfte wurden rund 30.000 Menschen, vor allem Bauern und Landarbeiter, massakriert. Auch Farabundo Martí wurde hingerichtet. Der gescheiterte Aufstand sollte schwerwiegende Folgen für die weitere Entwicklung des Landes haben. Das Militär gewann an innenpolitischer Bedeutung. Die Oligarchie übertrug ihm die Ausübung der politischen Macht. Nur die ökonomisch entschei-denden Finanz- und Wirtschaftsministerien blieben in den Händen der alten Herrscher. Auch diese Schicht begann, sich zu differenzieren. Es kam zur Bildung zweier Fraktionen, deren eine, die Kaffeeoligarchie, stark konservativ eingestellt war, während die zweite, Vertreter der Industriebourgeoisie, auf Modernisierung und Diversifizierung der Produktionsstrukturen drängte und in diesem Zusammenhang auch reformerische Gedanken entwickelte.

 

1.4.    Die Industrialisierung

            Der Diktator Hernández Martínez, im Volksmund auch El Brujo [11] (der Hexer) genannt, hielt sich 13 Jahre an der Macht. In dieser Spanne erlebte El Salvador einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Kaffeepreise waren nach dem Ende der weltweiten Wirtschaftskrise wieder gestiegen. Die USA erließen einen Teil der Schulden, die aus der Beteiligung amerikanischer Firmen am Ausbau der Infrastruktur erwachsen waren, um das Land zu stabilisieren und neue Erhebungen zu verhindern. Die Zentralbank entstand. Nach einem Militärputsch und folgendem Generalstreik mußte Martínez 1944 zurücktreten. Der ihm folgende Ignacio Menéndez, ebenfalls ein Militär, versuchte, das Land zu demokratisieren. Wahlen wurden ausgerufen. Auch die unter Martínez hart unterdrücken Gewerkschaften erstarkten und bildeten einen Dachverband (UNT=Unión Nacional de Trabajadores). Dies ging den in der Agrarpartei organisierten Großgrundbesitzern entschieden zu weit. Im Oktober 1944 wurde Menéndez ge-stürzt, die demokratischen Ansätze wurden im Terror des Regimes des ehemaligen Polizeichefs Osmin Aguirre erstickt.

            Rechtzeitig geflohene Funktionäre der oppositionellen Parteien und Gewerkschaften bildeten in Guatemala eine Exilregierung und versuchten, Aguirre durch eine Intervention zu stürzen. Der Versuch scheiterte zwar, doch mußte der Diktator unter Druck der USA, die einen Konflikt in ihrem Hinterhof vermeiden wollten, Wahlen ausschreiben. Castaneda Castro, ein weiterer Militär, folgte ihm im Amt. Als dieser 1948 seine Regierungszeit verfassungswidrig um weitere vier Jahre verlängern wollte, putschte ein Kreis reformorientierter Offiziere, die der modernisierenden Fraktion innerhalb der Oberschicht nahestanden. Doch die von der Junta ver-sprochenen sozialen Reformen blieben aus.

            Unter dem nächsten Präsidenten Oscar Osorio, der 1950-56 regierte, wurde die Industrialisierung vorangetrieben. Vor allem Konsumgüter wurden vermehrt produziert. Wasserkraftwerke, Straßen und Häfen wurden gebaut. Doch die Gewerkschaften wurden weiter unterdrückt und ihre Führer abermals exiliert. Osorio wollte seine Reformen -die Sozialversicherung wurde eingeführt, ein Mindestlohn festgelegt- von oben durchdrücken. Eine dritte Vertreibungswelle der Landbevölkerung [12] setzte ein, als die steigende Nachfrage auf dem Weltmarkt den Baumwollanbau profitabel machte. Diesmal traf es die Bewohner der fruchtbaren Küstenebenen, die mit ihren kleinen landwirtschaftlichen Betrieben zur Produktion von Grundnahrungsmitteln riesigen Baumwollplantagen weichen mußten. Mit dem Handelsboykott der USA gegen Kuba kam in den 60er Jahren ein weiteres profitables Produkt hinzu: Zuckerrohr. Die vertriebenen Bauern verelendeten, denn auf den großen Plantagen fanden nur wenige Arbeit. Viele siedelten sich in den Slums San Salvadors an. Die Profite aus dem Kaffee- und Baumwollexport wurden in stärkerem Maße als vorher in den Ausbau der Infrastruktur und Industrie geleitet.

            Der Osorio folgende José María Lemus versprach die Rückkehr der Exilierten. Als sich 1957 jedoch ein neuer Gewerkschaftsdachverband gründete, versuchte die Regierung ein regierungsnahes Syndikat nach dem Muster der nordamerikanischem "gelben Gewerkschaften" zu etablieren und den freien Verband gewaltsam zu unterdrücken. Dieser verbündete sich daraufhin mit liberal gesinnten Militärs und führte 1960 den Sturz von Lemus herbei.

            Die aus Militärs und Zivilisten zusammengesetzte Junta gründete sich auf eine breite Unterstützung verschiedener Volkssektoren, konnte aber keine Reformen initiieren, da sie nach einem knappen halben Jahr von rechtsgerichteten Offizieren gestürzt wurde. Die oppositionelle Bewegung versuchte man durch Verfolgung und Unterdrückung einzuschüchtern. Die Aktionen der neuen Junta sind in engem Zusammenhang mit der Entwicklung in Lateinamerika und den Interessen der USA zu sehen. Nach dem Sieg der kubanischen Revolution sollten weitere Erhebungen um jeden Preis verhindert werden. Auf politischer Ebene wurde jetzt mehr Wert auf den demokratischen Schein gelegt. In El Salvador sah das so aus, daß bei den 1962 abgehaltenen Wahlen eine einzige Partei kandidierte. Die 1961 gegründete PCN (Partei der Nationalen Versöhnung) war als Sammelbecken der Militärs, Industriellen und Großgrund-besitzer konzipiert. Sie wurde zur El Salvador lange Jahre beherrschenden Systempartei. Rivera, der neue Präsident, schuf mit ORDEN (Organización Democrática Nacionalista) ein neues Repressionsorgan, auf das wir später noch zu sprechen kommen werden.

 

1.5.    Die zentralamerikanische Integration und ihr Scheitern

            Die in den frühen 50er Jahren einsetzende Industrialisierung war kein singulärer Prozeß. Viele lateinamerikanische Staaten erlebten in diesen Jahren den Aufbau einer Konsumgüter-und Leichtindustrie. Da die nationalen Märkte der zentralamerikanischen Länder sehr klein waren, blieben die Möglichkeiten eng begrenzt, bis 1960 die Idee eines gemeinsamen zentral-amerikanischen Marktes (Nicaragua, El Salvador, Honduras, Guatemala und etwas später Costa Rica) verwirklicht wurde. Neben der zunehmenden Integration El Salvadors in diesen Markt, schloß es sich auch durch den Eintritt in die zentralamerikanische Militärallianz enger mit den Nachbarländern zusammen. Unter Einfluß der USA und der Machteliten der einzelnen Mit-gliedsländer war ein Integrationsmodell gewählt worden, das den Freihandel favorisierte und unbeschränkte Investitionsmöglichkeiten für Auslandskapital bot. Ein von der CEPAL [13] vorge-schlagenes Modell, das Importsubstituierung und den koordinierten Aufbau von Schwerpunkt-industrien ebenso vorsah wie sozialen Reformen zur Kaufkrafterhöhung der Bevölkerung, konnte sich nicht durchsetzen. So profitierten vom in den frühen 60er Jahren beachtlich steigen-den Bruttoinlandsprodukt und dem intensivierten Handel mit den Nachbarländern letztlich nur die Oligarchie und die kleine Industriellenschicht. Die sozialen Probleme wurden nicht gelöst und verschärften sich noch. Da die meisten Industriebetriebe kapitalintensiv produzierten, konn-ten sie das Bevölkerungswachstum und die Land-Stadt-Migration nicht kompensieren. So stieg die Arbeitslosenzahl stetig an. Doch mit der absolut wachsenden Arbeiterschaft, wurden auch die Gewerkschaften stärker. Trotz der stetigen Repression intensivierten sie ihren Kampf. Neue Verbände wie die Lehrergewerkschaft ANDES 21 de JULIO oder der Gewerkschaftsdach-verband FUSS entstanden in dieser Zeit. Neben Streiks kam es immer häufiger zu Fabrik-besetzungen. Auch die parlamentarische Opposition erstarkte. Bei den Wahlen von 1967 gewann zwar noch die Systempartei PCN, doch die reformorientierten Christdemokraten (PDC= Partido Democrata Cristiano) wurden mit einem sehr guten Ergebnis zur zweitstärksten Partei.

            Machten anfangs alle Mitgliedsstaaten des gemeinsamen Marktes gute Erfahrungen mit der Integration, entwickelten sich die einzelnen Ökonomien dennoch ungleichmäßig. Das im-mer größer werdende Ungleichgewicht erzeugte Spannungen zwischen den schon industriali-sierten Profiteuren, zu denen auch El Salvador gehörte, und den agrarexportierenden Verlierern wie Honduras. Honduras scherte denn auch aus dem Wirtschaftsverbund aus und belegte eingeführte Waren mit 30% Zoll. Neben diesen Spannungen brachte die traditionell hohe Migration von Salvadorianern nach Honduras, das wesentlich dünner besiedelt war, Probleme mit sich. Als in diesem Land 1968 eine schon länger beschlossene Agrarreform durchgeführt wurde, berücksichtigte man die Einwanderer nicht nur nicht, sondern begann, sie massenhaft auszuweisen. Die dadurch schon sehr angeheizten Spannungen zwischen beiden Ländern kulminierten 1969 im sogenannten "Fußballkrieg". Nach einem Grenzzwischenfall [14] überfiel das salvadorianische Heer Honduras und eroberte innerhalb kürzester Zeit die Grenzregion. Der Krieg dauerte nur 100 Stunden, besiegelte aber das Ende des gemeinsamen Marktes. Krieg und Zusammenbruch des Marktes verschärften sowohl die ökonomische als auch die politische Krise El Salvadors. Handelsverluste waren zu beklagen; die Zahl der Arbeitslosen stieg sprung-haft an. Die Protestbewegung erfaßte immer breitere Schichten der Bevölkerung.

 

2.      Die 70 Jahre- El Salvador vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs

            In diesem Jahrzehnt sah sich El Salvador einer Verschärfung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise gegenüber. Die Konsequenz war einerseits ein Anschwellen der Volksbewegung, die sich, da auf politischem Wege keine Reform des salvadorianischen Systems zu erreichen war, immer weiter radikalisierte. Andererseits versuchten die Herrschen-den, mit allen zu ihrer Verfügung stehenden Mitteln an der Macht festzuhalten. Die salvadoria-nische Gesellschaft polarisierte sich immer stärker. Die Ereignisse dieses Jahrzehnts bilden die direkte Vorgeschichte des Bürgerkriegs, der 1981 ausbrechen wird, und sollen deshalb aus-führlicher geschildert werden. Dabei werde ich versuchen, die Darstellung der sozio-ökonomischen mit der der politischen Entwicklung zu verknüpfen. Einige spezielle Themen (wie die Rolle der USA) klammere ich aus, da an anderer Stelle näher auf sie eingegangen werden soll.

 

2.1.    Die Reformer scheitern endgültig

            Bei den Parlamentswahlen von 1970 konnte die PCN auf der Welle nationaler Begeisterung, die der Krieg gegen Honduras mit sich gebracht hatte, ihren letzten legalen Sieg erringen. Doch hatte sie die kurzzeitige Zustimmung der Massen schnell verspielt, als sich 1971 ein Bündnis aus verschiedenen reformorientierten Oppositionsparteien, die UNO (Unión Nacional Opositora), formierte und die Hoffnungen der Bevölkerung auf soziale und politische Reformen auf sich vereinte. Streiks, wie der des Lehrerverbandes ANDES im Sommer 1971, fanden breite Unterstützung und entwickelten sich zu Medien des allgemeinen Protestes gegen die Regierung. Die UNO forderte eine Agrarreform sowie die Durchsetzung politischer Rechte und Freiheiten für die Bevölkerung. Mit diesem Programm und Napoleón Duarte (er war Vorsitzender der PDC) als Kandidaten konnte sie die Präsidentschaftswahlen vom 20. Februar 1972 gewinnen. Nun griffen die Herrschenden zum Betrug. Die Stimmenauszählung wurde aus-gesetzt, und das gefälschte Ergebnis, in dem der PCN-Kandidat Molina mit 10.000 Stimmen führte, erst drei Tage nach der Wahl bekanntgegeben. Teile der Streitkräfte unternahmen daraufhin einen Putschversuch, der jedoch schnell niedergeschlagen wurde. Auch die zivilen Proteste wurden blutig unterdrückt. In der Zeit des Ausnahmezustandes (bis Juni desselben Jahres) wurden durchschnittlich 25 Menschen pro Tag ermordet, die sich dem Regime in allen Bereichen der Gesellschaft, in Universitäten, Gewerkschaften, Betrieben widersetzten. [15]

            Das Militär befand sich durch diesen Betrug weiter an der Macht. Allerdings folgte auf Oberst Sánchez Hernández ein weiterer auf wirtschaftliche Vielfalt ausgerichteter Offizier, der mit dem Projekt der "Nationalen Transformation" einen Ausweg aus der Krise suchte. Durch verstärkte Intervention des Staates im wirtschaftlichen Bereich sollte die Arbeitslosigkeit be-kämpft und die Wettbewerbsfähigkeit der salvadorianischen Wirtschaft erhöht werden. Aus-ländisches Kapital sollte durch attraktive Investitionsbedingungen (zollfreie Einfuhr von Produkten, Steuererleichterungen, billige Arbeitskräfte) angezogen werden. Filialen trans-nationaler Konzerne entstanden, die ihre Gewinne allerdings sofort ins Ausland transferierten. Auf die soziale Lage der Bevölkerung hatte deren Billiglohnpolitik keinen Einfluß. So steigerten sich in den ersten Jahren der Umsetzung des Planes die Exporte zwar außergewöhnlich stark (zwischen 1973 und 1976 wurden jährliche Zuwachsraten um die 35% erreicht [16] ), doch konnten nicht genügend neue Arbeitsplätze geschaffen werden, da die Betriebe nach dem gleichen Prinzip arbeiteten wie zu Zeiten des zentralamerikanischen Marktes.   

            Konnte das Projekt der "Nationalen Transformation" im wirtschaftlichen Bereich auch einige Erfolge verzeichnen, mußte es letztlich doch scheitern. Einerseits waren die erreichten Wachstumsraten sehr einseitig, da die Niederlassungen der transnationalen Konzerne wirt-schaftliche Inseln bildeten, die kaum Verbindungen zur nationalen Industrie aufbauten. Halb-fertigprodukte wurden zollfrei eingeführt, weiterbearbeitet und exportiert. Eine einheimische Zulieferindustrie hatte in diesem Modell keinen Platz. [17] Andererseits blieben lange überfällige sozialen Reformen (vor allem die Bodenreform) aus, da sie gegen den Widerstand der Agraroligarchie, die um ihre dominierende Position auf dem Lande fürchtete, nicht durchzu-setzen waren. Machtpolitisch setzte auch Molina auf Repression und Betrug. So wurden die Er-gebnisse der Gemeindewahlen von 1974, bei denen die UNO höchstwahrscheinlich gewonnen hätte, nicht einmal mehr veröffentlicht. 1976 bedrohte man das Oppositionsbündnis so stark, daß es sich zwei Wochen vor den Gemeinde-und Parlamentswahlen zurückzog.

            Im selben Jahr versuchte man mit der Gründung des ISTA (Instituto Salvadoreño de Transformación Agraria), eine bescheidene Bodenreform zu realisieren. An 12.000 Bauern-familien sollten 59.000 Hektar Land in den östlichen Regionen San Miguel und Usulután verteilt werden. [18] Obwohl das gerade einmal 4% der landwirtschaftlichen Nutzfläche El Salvadors entsprach, scheiterte das Projekt schon nach drei Monaten am scharfen Widerstand der Agraroligarchie. Während der Auseinandersetzungen innerhalb der Machteliten errangen die Reformgegner wiederum die Hegemonie in der Staatspartei und im Militär. Ein Resultat des Streites um die Bodenreform war auch, daß sich der rechtsextreme Flügel der Agraroligarchie außerhalb der PCN zu gruppieren begann und sich eigene militante Organisationen schuf. Neben der FARO (Frente Agrario de la Región Oriental), einer Vereinigung zum Schutz des Besitzes der Großagrarier in den von der Bodenreform tangierten Gebieten, entstand im August 1976 die erste Todesschwadron (Unión Guerra Blanca), der in den nächsten Jahren weitere folgen sollten.

            1977 wurde der dem reaktionärsten Flügel der Streitkräfte zugerechnete General Carlos Humberto Romero Präsidentschaftskandidat der PCN. Doch nur durch erneuten Wahlbetrug ge-langte er in das höchste Amt. Politisch bedeutete die "Wahl" Romeros die Rückkehr des rechten Flügels der Oligarchie an die Herrschaft. Die reformorientierte Fraktion war gescheitert. Der Anstieg der Kaffeepreise zwischen 1975 und 1977 hatte den Kaffeebaronen einen bedeutenden finanziellen Gewinn beschert und geholfen, ihre Macht beträchtlich zu erweitern. [19]

 

2.2.   Guerrilla und Volksorganisationen

            Am 28. Februar protestierten 10.000 Menschen gegen den offensichtlichen Wahlbetrug. Die Armee wurde eingesetzt und tötete mehr als 200 Zivilisten. Dieses Massaker motivierte eine wachsende Radikalisierung und Organisierung der Bevölkerung, bei der zwei Stränge zu beobachten sind: die Volksorganisation und die Guerrilla. Sie sollten sich in den nächsten Jahren mehr und mehr verbinden. [20]

            Die Verschärfung der Krise und die verschiedenen Konzepte der Veränderung hatten in der linken Opposition El Salvadors schon Anfang der 70er Jahre zu einer Spaltung geführt. Die älteste und stärkste linke Oppositionspartei, die PCS, und die mit ihr verbundenen Bewegungen hielten eine sozialistische Revolution erst nach einer bürgerlich demokratischen Herrschaft für möglich, weshalb sie ein Bündnis mit den bürgerlichen Oppositionsparteien wie der PDC an-strebten. Ein radikalerer Flügel innerhalb der Partei lehnte dieses "reformistische" Konzept ab. Nur durch den bewaffneten Kampf ließe sich ihrer Meinung nach die Macht erringen. Im April 1970 spaltete sich diese Gruppe ab und gründete die politisch-militärische Bewegung FPL (Fuerzas Populares de Liberación). 1971 entstand aus Mitgliedern der Jugendorganisationen der kommunistischen und christdemokratischen Parteien das ERP (Ejército Revolucionario del Pueblo), eine weitere Organisation, deren Ziel der Wandel El Salvadors durch bewaffneten Kampf war.  Die immer stärker werdenden militaristischen Tendenzen führten zu Konflikten innerhalb dieser Organisation. So kam es 1975 zur Abspaltung einer Gruppe, die sich RN (Resistencia Nacional) nannte. Kurz darauf verließ eine weitere Gruppe das ERP und gründete das PRTC (Partido Revolucionario de los Trabajadores Centroamericanos) [21] . Allerdings war die neue Organisation so klein, daß ihre Gründung offiziell erst 1979 bekanntgegeben wurde. [22]

            Allen Guerrillagruppen war der Marxismus-Leninismus als Grundlage ihrer politischen Strategie gemein, auch wenn sie im einzelnen verschiedene Konzepte zur Durchsetzung der sozialistischen Revolution entwickelten und sich auf verschiedene Modifikationen des weltan-schaulichen Gebäudes stützten. So bezogen sich die FPL auf das vietnamesische Modell des guerra popular prolongada [23] . Dabei kam es auf eine möglichst breite Verankerung der Organisation mit der Bevölkerung an. Der Freiheitskampf sollte nicht von einer militärisch-politischen Avantgarde, sondern vom ganzen Volk getragen werden. Die FPL strebten deshalb eine breite Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, Bauernorganisationen und anderen Strukturen an.  Das ERP war in den ersten Jahren seines Bestehens stark von maoistischen Ideen beeinflußt. Nach Auffassung dieser Partei war in El Salvador eine vorrevolutionäre Situation gegeben. Durch die Initiative einer bewaffneten Avantgarde könnte daher ein Volksaufstand ausgelöst, das alte Regime gestürzt und eine sozialistische Gesellschaft errichtet werden. Die politische Arbeit mit der Bevölkerung wurde demnach dem Ausbau der militärischen Schlagkraft untergeordnet. Man nannte das zugrundeliegende Konzept in Anlehnung an die theoretische Verallgemeinerung der Erfahrungen der kubanischen Revolution durch Che Guevara und Régis Debray die Focus- Theorie.

            Durch die Hegemonialansprüche der einzelnen Gruppen behinderten sie sich gegenseitig. Jede glaubte, den einzig wahren Weg der Revolution entdeckt zu haben. Selbst innerhalb der Gruppen kam es zu teilweise blutigen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Fraktionen. Da die Einheit fehlte, kamen kaum gemeinsame Aktionen zustande. Trotzdem hat-ten die Guerrillagruppen eine wichtige Katalysatorfunktion im Prozeß der Organisation.

            Die Volksorganisationen waren ebenfalls um 1970 aus Selbsthilfeorganisationen der Slumbewohner, studentischen Vereinigungen, unabhängigen Gewerkschaften oder anderen Gruppen entstanden, die sich vom Einfluß der reformorientierten Oppositionsparteien gelöst hatten und radikalere Wege zur Veränderung der Verhältnisse suchten. Ihr stärkstes Standbein waren jedoch die Bauernorganisationen, die sich vor allem in den Kaffeeanbaugebieten engagierten und ihre Zielsetzung von der Durchsetzung begrenzter Reformen zum grund-legenden Wandel des salvadorianischen Systems änderten. Diese Vereinigungen, die oft engstens mit den katholischen Basisgemeinden verbunden waren, vernetzten sich und wurden zum entscheidenden Protagonisten des revolutionären Prozesses in El Salvador. Die Guerrilla-organisationen verbanden sich immer enger mit diesen Strukturen. Vor allem das FPL hatte großen Einfluß auf sie und initiierte schon 1970 die Gründung einer Dachorganisation, des Bloque Popular Revolucionario, der zur stärksten Volksorganisation wurde. Auf dem Land und unter der Industriearbeiterschaft entstanden ähnliche Verbände, die jeweils eng an eine der Guerrillafraktionen angebunden waren.

 

2.3.    Die katholische Kirche wandelt sich

            Auch die katholische Kirche war zu einem entscheidende Faktor der Radikalisierung breiter Teile der Bevölkerung geworden. Sie war noch bis Ende der 60er Jahre eine verläßliche Stütze des Machtsystems in El Salvador. Erst mit dem zweiten Vatikanischen Konzil (1963-65) und der Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín (1968) setzte eine Besinnung auf die sozialen Probleme der Bevölkerung ein. [24] Innerhalb der salvadorianischen Kirche ent-wickelte sich eine progressive Strömung, deren Vertreter 1970 ein nationales Kirchentreffen organisierten. Es wurde beschlossen, sich mehr um soziale Belange zu kümmern und den Ausbau von Basisgemeinden, mit denen in anderen lateinamerikanischen Ländern schon gute Erfahrungen gemacht worden waren, zu fördern. Wie diese zwar progressiven, aber bei weitem noch nicht radikalen Ansätze die noch sehr machtverbundene Kirche spalteten, zeigt sich daran, daß ein Großteil der Bischöfe nicht zum Treffen erschien. Trotzdem wurden die Beschlüsse umgesetzt. So führte eine Gruppe von Jesuiten in Aguilares, einem 30 km nördlich der Haupt-stadt gelegenem Dorf, eine Missionskampagne durch, in deren Verlauf die ersten Basis-gemeinden El Salvadors entstanden. [25] Die Priesterseminare wurden zu Brutstätten neuer Gedan-ken. Man beschäftigte sich mit den gesellschaftskritischen Ansätzen der "Theologie der Befreiung", was einschloß, daß sich die Seminaristen nicht nur in theologischen Disputationen, sondern auch in der Erstellung sozialer und politischer Analysen übten. Sie rezipierten die Ideen des Brasilianers Paolo Freire, der ein neues pädagogisches Konzept zur Emanzipation der marginalisierten Bevölkerungsschichten entworfen hatte (educación popular). In Folge des Beschlusses, den Aufbau von Basisgemeinden zu fördern, entstanden in sechs Städten Ausbil-dungszentren für Katechisten. Die auch als "Delegierte des Wortes" oder "pastorale Agenten" bezeichneten Vertreter und Gehilfen der Priester hielten Messen und leiteten vor allem die für die Basisgemeinden so wichtigen Reflexionszirkel [26] . In den Ausbildungszentren machten die meist aus ländlichen Gegenden stammenden Menschen eine völlig neue Erfahrung. Sie lernten zu diskutieren, sich auszudrücken, frei zu sprechen. Sie lernten, ihre eigene Lage nicht als gott-gewollt und damit unveränderlich, sondern als Produkt politischer und ökonomischer Macht-strukturen zu begreifen. In den 70er Jahren durchliefen ungefähr 15.000 Menschen diese Aus-billdung und bildeten den Nährboden, auf dem sich die Volksbewegung entwickeln konnte.

2.4.    Die Repression verschärft sich

            Waren die reformorientierten Partein sowie regierungsnahe Gewerkschaften und Organisationen bis 1977 zahlenmäßig noch in der Überhand, wandelte sich das Kräfteverhältnis nach dem erneuten Wahlbetrug. 1977 wurde zu einem Schlüsseljahr in der Entwicklung El Salvadors. Volksorganisationen und Guerrilla verzeichneten immensen Zulauf. Die Guerrilla steigerte ihre Aktivitäten. Einzelne spektakuläre Aktionen wie Entführungen von Großgrund-besitzern, Unternehmern und Politikern wurden mit dem Ziel durchgeführt, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, aber auch, um Geld für Waffenkäufe zu erhalten. Durch die Entführung aus-ländischer Geschäftsleute lenkte man die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf El Salvador. Doch auch die Volksbewegung machte mit immer größeren Aktionen in den Städten und auf dem Land von sich reden. Demonstrationen, Land-, Kirchen-, Botschafts- und Fabrikbesetzungen waren ihre Waffen im Kampf um ein neues El Salvador. [27]

            Die einzige Antwort, die die Mächtigen auf diese Entwicklung geben konnten, war die Verschärfung der Repression. Die Grundlage für den "legalen" Einsatz der bewaffneten Organe, willkürliche Verhaftungen und viele andere Unterdrückungsmaßnahmen wurde im Dezember 1977 durch das salvadorianische Parlament, das sich seit 1976 aus Abgeordneten einer einzigen Partei zusammensetzte, gelegt. Das "Gesetz zur Verteidigung und Garantie der öffentlichen Ordnung" stellte 18 Aktivitäten unter Strafe, die jedoch so vage beschrieben waren, daß letztlich jede Protesthaltung verboten war. Willkür und Folter wurden damit Tür und Tor geöffnet. Das Gesetz war anderthalb Jahre in Kraft, ehe es auf Druck der Weltöffentlichkeit im Mai 1979 aufgehoben werden mußte.

            Die in El Salvador ständig präsente Repression potenzierte sich ab 1977 sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Verschiedene Organe und Ebenen differenzierten sich aus. Ein immer umfassenderes Terrorsystem entstand. In den ländlichen Regionen war die 1962 von General Rivera gegründete paramilitärische Organisation ORDEN aktiv. ORDEN sollte einen Keil zwischen die Landbevölkerung treiben. Bauern, die der Organisation beitraten, erhielten deshalb besondere Privilegien. Sie bekamen staatliche Hilfe, wurden bei der Arbeitsvergabe bevorzugt und waren keiner Repression durch die bewaffneten Kräfte ausgesetzt. Dafür spionierten sie die Basisgemeinden und Bauernorganisationen aus. Andererseits wurde ORDEN unter Molina direkt in die staatliche Repression eingebunden, indem feste Mitglieder Waffen erhielten und sich an der Ermordung oppositioneller Landbevölkerung beteiligten. Für Mitte der 70er Jahre schätzt man ungefähr 10.000 feste Mitglieder und weitere 100.000 bis 500.000 im Umfeld. [28] ORDEN hatte also die Aufgabe, die Landbevölkerung auszuspionieren und ihre Organisation zu verhindern. Wußten die Sicherheitsorgane erst einmal, wer die Aktivisten der Basisgemeinden und Volksorganisationen waren, wurden diese entweder von der Polizei verhaftet und gefoltert oder von den Todesschwadronen umgebracht.

            Die Todesschwadrone mordeten zwar auch auf dem Land, doch verbreiteten sie vor allem in den großen Städten Angst und Schrecken. 1975/76 waren erste Schwadrone mit den bezeichnenden Namen Falange und Unión Guerra Blanca aufgetaucht. [29] In den folgenden Jahren vermehrte sich ihre Zahl ebenso rapide wie die ihrer Opfer. Finanziert wurden diese paramilitärischen Terrorgruppen von Kaffeebaronen und Vertretern der Industrie. Die Todes-schwadrone rekrutierten ihre Mitglieder vorwiegend aus den Reihen des Sicherheitsapparates und der Armee. Die Anschläge waren genauestens geplant. Die Auftraggeber erstellten auf geheimen Zusammenkünften schwarze Listen und bereiteten die Morde logistisch vor. Nachts gingen dann Angehörige des Heeres, meist Offiziere, in Zivil auf Jagd nach den als Opfer erkorenen Oppositionellen. Die Anschläge verliefen mit tödlicher Präzision, da der Geheim-dienst logistische Unterstützung leistete. In den meisten Fällen verstümmelte man die Opfer auf das Grausamste. Zu belangen waren die Mörder kaum, da sie von den Sicherheitskräften, dem Geheimdienst aber auch der Justiz gedeckt wurden; die Täter stammten ja aus ihren eigenen Reihen. [30]

            Die Armee und die verschiedenen Polizeiorgane wurden aber auch ganz legal als Repressionsinstrument eingesetzt. Sie räumten besetzte Fabriken und Kirchen, schlugen Streiks nieder, massakrierten Manifestationen. In den Kasernen folterte man unter allen möglichen Vorwänden verhaftete Aktivisten der Oppositionsbewegung. [31] Somit sehen wir uns einer Doppelstrategie der Repression gegenüber. Die Sicherheitskräfte unterdrückten jegliche Äußerung von Protest, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Die Todesschwadrone ermordeten gezielt die Aktivisten der Volksbewegung und ihren Familien, um der Organisation das Haupt abzuschlagen.

            Neben der Volksorganisation rückte zunehmend auch die Kirche ins Visier der Repression. Die progressiven Priester konnten ihres Lebens ebensowenig sicher sein, wie die Katechisten. Die Kirche mußte Stellung beziehen. 1977 sollte auch für sie zu einem entschei-denden Jahr werden. Am 22. Februar wurde Oscar Arnulfo Romero, ein eher konservativer und unpolitischer Geistlicher, zum Erzbischof ernannt. Er war der Lieblingskandidat der Oligarchie, da man von ihm als Mann der Bücher keine politischen Manifestationen befürchtete. Doch als kurz nach seiner Wahl 8 Jesuiten verhaftet und gefoltert, die ersten Priester (Rutilio Grande, der die Basisgemeinden in Aguilares betreute, und Alfonso Navarra) ermordet wurden, begann Romero aufzuwachen. Vor den Verbrechen des Militärs gegen die Basisgemeinden (die Streit-kräfte hatte Aguilares besetzt und dabei 35 Menschen getötet) konnte er die Augen nicht länger verschließen. Er erhob seine Stimme. Romero wandelte sich zum "Sprachrohr der Sprachlosen", zum Verfechter der Rechte seines Volkes. Er wurde zum Hoffnungsträger der Armen und später zu ihrem größten Märtyrer. Der kircheneigene Radiosender YSAX wurde zum unbestechlichen Chronisten der Menschenrechtsverletzungen in El Salvador. Er klagte die Verantwortlichen der Morde an, gab die Namen der Verschwundenen bekannt. Romero näherte sich in seinem Bewußtwerdungsprozeß den Positionen der Volksbewegung immer mehr an. So formulierte er in seinem Hirtenbrief von 1978:

Wenn man mit der Anwendung repressiver Gewalt fortfährt, wird man leider den Konflikt noch mehr zuspitzen, und der Zeitpunkt wird immer wahrscheinlicher und absehbarer, ab dem das Mittel der Gewalt als gerechtfertigte Verteidigung vertretbar sein kann. [32]

Doch predigte er keineswegs den Aufruhr. Sein Anliegen war die Verteidigung der Menschen-rechte, zu denen für ihn nicht nur die Freiheits, sondern auch die sozialen Rechte gehörten. 1978 startete die katholische Kirche eine große internationale Menschenrechtskampagne, die die Machthaber um so empfindlicher traf, als die Kirche lange Zeit ihre Verbündete gewesen war. Für die Agraroligarchie war diese soziale und politische Stellungnahme der Kirche mehr als Verrat. Priester wurden als Kommunisten verleumdet und für vogelfrei erklärt. In den Zeitungen erschien eine Anzeige der Todesschwadrone "Sei Patriot, töte einen Priester". Und es bliebt nicht bei Drohungen. Auf Häuser von Geistlichen wurden Bombenattentate verübt. Die Todes-schwadrone ermordeten Katechisten und ihre Familien. Allein 10 Bombenanschläge wurden zwischen 1977 und 1980 auf den Radiosender YSAX verübt.

            Doch erreichte die Repression nicht das Ziel, die Volksbewegung zu zerschlagen und die Bevölkerung einzuschüchtern. Ganz im Gegenteil. Da alle legalen Protestmöglichkeiten ver-stellt waren, radikalisierten sich immer breitere Schichten. Die Volksbewegung schloß sich immer enger an die Guerrilla an. Die zivilen Protestaktionen -Streiks, Besetzungen, Demon-strationen- häuften sich. Auch die Guerrilla ging zu immer massiveren Aktionen über. Kaum war das "Gesetz zur Verteidigung und Garantie der öffentlichen Ordnung" unter internationalem Druck aufgehoben, verhängte die Regierung den Ausnahmezustand. Aber auch der konnte sie nicht mehr retten, General Romero war am Ende. Selbst der Versuch, die gemäßigte bürgerliche Opposition im Mai 1979 über ein "Nationales Forum" einzubinden, schlug fehl. Die politische Mitte war im Verlauf der fortschreitenden Polarisierung so geschwächt, daß sich nur wenige Organisationen zur Mitarbeit bereit erklärten, die zudem über keinen ausreichenden Rückhalt in der Bevölkerung verfügten. [33]

 

2.5.    Die Krise spitzt sich zu

            Die politische und soziale Krise verschärfte sich immer weiter. Die allgemeinen Lebens-bedingungen, der Terror wurden unerträglich. 1979 überschwemmte eine neue Welle der Gewalt das Land. [34] Allein von Januar bis September verzeichnete man 800 politische Morde. Von Ende Mai bis Ende Juli verschwanden 500 Menschen. [35] Die Bewegung war weder durch Terror, noch durch Gesetze aufzuhalten. Im Juli stürzte Somoza, der Diktator des Nachbar-landes Nicaragua. Auch in El Salvador schien eine Umwälzung nahe bevorzustehen. Das gerade gegründete Foro Popular (Volksforum), ein Zusammenschluß von Volksorganisationen wie den LP-28 (Ligas Populares 28 de Febrero), die dem ERP nahestanden, oder dem mit der RN ver-bundenen Gewerkschaftsverband FENASTRAS mit den reformorientierten Parteien PDC, MNR und UDN machte einen letzten Versuch, die Krise auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Das Ende der Repression (konkret die Auflösung von ORDEN aber auch der Todesschwadrone, über deren Verbindung zu Kreisen der Sicherheitsorgane schon damals kaum Zweifel bestanden), demokratische Grundrechte wie Organisations- und Meinungsfreiheit, aber auch soziale Maß-nahmen wie Lohnerhöhungen und Agrarreform waren die konkreten Forderungen des Forums zur Lösung der politischen Krise. Doch zeitigte das Verhandlungsangebot keine Wirkung, da die Fronten schon zu verhärtet waren und das Forum nicht auf die Unterstützung der USA rechnen konnte. Der Carter-Administration waren sowohl die Forderungen als auch die Zusammen-setzung des Bündnisses zu radikal. So trieb die Krise unvermeidlich ihrem Kulminationspunkt entgegen.

 

2.6.    Der Putsch der Juventud Militar

            Am 15. Oktober 1979 putschten Teile des Militärs gegen General Romero. Dazu muß bemerkt werden, daß die politisch machtvollen und als Repressionsorgan mißbrauchten Streit-kräfte keinen homogenen Block darstellten. Innerhalb der Armee kann man drei mehr oder weniger begrenzte Fraktionen ausmachen, die enge Verbindungen zu den verschiedenen politischen Interessengruppen unterhielten. Zum einen gab es die große Mehrheit der ultra-konservativen Militärs, die eng mit der Oligarchie verbunden waren und alles daransetzten, die bestehenden Machtverhältnisse zu erhalten. Aus ihren Kreisen rekrutierten sich die Todes-schwadrone. Weiterhin gab es einen schwächeren Flügel, der begrenzte Reformen befürwortete. Seine Vertreter zeigten eine besondere Affinität zur den Industriellen. Vertreter dieses Flügels hatten El Salvador von 1968 bis 1977 regiert, die drängenden Probleme des Landes aber nicht lösen können. Schließlich finden wir eine kleine Gruppe reformorientierter Offiziere mit demokratischen Tendenzen. Besonders unter der Juventud Militar, den Rekruten der Militär-akademie unter Oberst Majano hatte sie Anhänger. [36] Sie hatten erste Verbindungen zur demokratischen Opposition aufgenommen. Der Putsch war vor allem von dieser Gruppe getra-gen worden. Doch bei der Besetzung der Junta erhielt neben dem reformorientierten Offizier Majano und mehreren Zivilisten auch der konservative und korrupte Oberst Abdul Gutiérrez, der vor allem die Interessen der USA vertrat, seinen Platz. So wies das Programm der Junta zwar Parallelen zu dem des Foro Popular auf, doch konnte die Umsetzung der entscheidenden Punkte hintertrieben werden. Die Beschlüsse wurden nicht umgesetzt, oder von den Reform-gegnern schon in der Formulierungsphase boykottiert. So blieb eine Säuberung der Streitkräfte aus. ORDEN wurde offiziell zwar aufgelöst, bestand in Wirklichkeit allerdings weiter und wurde zunehmend in die Strukturen der Todesschwadrone eingebunden. Die Repression wütete weiter und wurde sogar noch intensiviert, um die dem selbst unblutigen Umsturz folgenden Proteste zu ersticken. Die Guerrillaorganisationen und die Volksbewegung lehnten den Putsch von vornherein ab und riefen zum Widerstand gegen die Junta auf. Das ERP unternahm sogar einen Aufstandsversuch in den Vororten San Salvadors, der jedoch kläglich scheiterte. Am 29.August organisierten die LP-28 eine Demonstration, die von den Streitkräften zusammen-geschossen wurde. 70 Tote, vor allem Bauern aus Morazán, lautete die traurige Bilanz. Die Junta wurde immer machtloser, die ultrakonservativen Kräfte setzten sich immer rücksichtsloser durch, so daß sich im Dezember die letzten verbleibenden Zivilisten zum Rücktritt gezwungen sahen. Damit war der Versuch der jungen Offiziere gescheitert, doch noch einen Ausweg aus der akuten Krise zu finden und das Land zu reformieren. Die Folgen waren gravierend. Einerseits wurden die USA ab dieser Zeit zum dominierende Faktor in der Politik El Salvadors. So fädelte sie die Gründung einer zweiten Junta, die auf einem Pakt zwischen Militärs und Christdemokraten basierte, ein und griffen in den folgenden Jahren immer direkter in das politische und militärische Geschehen in dem kleinen zentralamerikanischen Land ein. [37] Andererseits wurde der Einigungsprozeß der linken Kräfte forciert, da der Widerspruch zwischen Reformern und Revolutionären im Angesicht der Ausweglosigkeit jedweder politischen Opposition an Bedeutung verlor. Der Einigungsprozeß der oppositionellen Bewe-gungen vollzog sich auf zwei Ebenen. Sowohl die Guerrillaorganisationen als auch die Volksbewegungen schlossen sich organisatorisch zusammen.

 

2.7.    Die politisch-militärische Opposition schließt sich zusammen

            Die Organisationen der politisch-militärische Opposition (FPL, RN und PCS, die auf ihrem 7. Parteitag im April desselben Jahres ebenfalls einen bewaffneten Arm gebildet hatte) gründeten im November 1979 eine politisch-militärische Kommission, die den gemeinsamen Kampf koordinieren sollte. Das ERP trat ihr erst vier Monate später, im März 1980, bei. Seit Beginn des Jahres 1980 erfolgte ein forcierter Ausbau der militärischen Strukturen vor allem in den nördlichen Gebieten des Landes, wo auf Grundlage der Basisgemeinden Bauernmilizen ge-bildet wurden. Aktivisten aus den Städten wurden in diese Gebiete "unter politischer Kontrolle" abgezogen und militärisch ausgebildet [38] . In Chalatenango und Morazán waren die Guerrilla-einheiten schon in militärische Auseinandersetzungen verstrickt, ohne jedoch über ausreichende und adäquate Ausrüstung zu verfügen. Das war auch der entscheidende Grund, den Schlag, der die allgemeine Erhebung auslösen sollte, hinauszuzögern. Die Organisation war für einen Volksaufstand noch zu schwach. Durch ein zu frühes Losschlagen hätte sich die Katastrophe von 1932 wiederholen können, bei der die wehrlosen Bauern zu tausenden niedergemetzelt worden waren. Ein weitere Verzögerung ergab sich aus der schwierigen Entwicklung des Einigungsprozesses. Noch konnten die einzelnen Organisationen ihren Hegemonialanspruch nicht völlig aufgeben. Ein großer Teil des Jahres war denn auch von Auseinandersetzungen um die richtige Strategie und Taktik geprägt. Erst im Oktober fand die organisatorische Einigung der Guerrillagruppen mit der Gründung der FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) ihren Abschluß. Die Differenzen waren unter dem akuten Vereinigungszwang vorerst zwar entschärft, blieben aber weiterhin bestehen.

            Der in der Volksorganisation organisierte Flügel der revolutionären Bewegung setzte auch nach der Entscheidung der militärischen Strukturen zum Kampf auf politische Aktionen. Eine Coordinadora Revolucionaria de Masas wurde gebildet, die breite Bevölkerungsschichten erreichen konnte. Am 22. Januar 1980 rief sie zu einer Demonstration auf, die zur größten Manifestation in der Geschichte El Salvadors werden sollte. 250.000 Menschen nahmen daran teil. [39] Als die friedliche Demonstration von Armee und Polizei unter Beschuß genommen wurde, verwandelte sie sich in eines der größten Massaker, daß es in El Salvador bisher gegeben hatte. Ungezählte Demonstranten wurde ermordet. Am 23.2.1980 verabschiedete die Coordinadora die programmatische "Plattform der revolutionär-demokratischen Regierung". Die Forderungen dieses Programms bildeten lange Jahre die politische Grundlage auch der FMLN. Kurz darauf schlossen sich die Volksorganisationen mit reformorientierten Parteien, Gewerkschaften und Universitäten zu einer ultimativen Vereinigung, der Frente Democrático Revolucionario zusammen. [40]

 

2.8.    Die Krise kulminiert- Der Ausbruch des Bürgerkrieges

            Doch die Repression schlug der Volksbewegung immer empfindlichere Wunden. Im März und Mai rief die FDR Generalstreiks aus, die blutig unterdrückt wurden. Die immer exzes-sivere Brutalität, mit der Sicherheitskräfte und Todesschwadrone vorgingen, das traumatische Erlebnis massakrierter Demonstrationen, die in den Straßen der Hauptstadt ausgestellten ver-stümmelten Leichen führten endlich zu einem allgemeinen Angstgefühl, das das Engagement breiter Bevölkerungsschichten lähmte. [41] 1980 wurden in El Salvador 14.000 politisch motivierte Morde gezählt. [42]

            Die Polarisierung der salvadorianischen Gesellschaft war schon im März 1980 soweit fortgeschritten, daß eine politische Lösung der Krise nicht mehr möglich, Krieg unvermeidbar war. In der Ermordung Erzbischof Romeros am 27. des Monats fand diese Tatsache ihren symbolischen Ausdruck. Romero war seinen Weg konsequent zu Ende gegangen und hatte schließlich sogar Gewaltanwendung als letztes Mittel in einer Situation gebilligt, die keine andere Opposition mehr zuließ. Doch obwohl er vielleicht als einziger die Chance gehabt hätte, erfolgreich zum Volksaufstand aufzurufen, versuchte er, die Repression mit moralischen Appellen an das Militär zu stoppen. Einen Tag vor dem tödlichen Anschlag hatte er die Soldaten in bewegenden Worten (Cese la represión! = Stoppt die Repression) dazu aufgerufen, die verbrecherischen Befehle zu verweigern und die Massaker an ihrem eigenen Volk zu beenden. Die Trauerfeier, an der über 100.000 Menschen teilnahmen und die wiederum mit einem Massaker endete (50 Menschen starben, 600 wurden verletzt), war für lange Zeit die letzte große Demonstration in El Salvador.

            Die Regierungsjunta war völlig isoliert. Zudem brachen innerhalb der beteiligten Christ-demokratischen Partei Auseinandersetzungen über die Legitimität ihres Verbleibens in der Regierung bei fortwährender Repression aus, die damit endeten, daß sich der rechte Flügel um Duarte durchsetzte, und der linke aus der Partei ausgeschlossen wurde. Die PDC war zu-nehmend in die Abhängigkeit der USA geraten, die sie einerseits als demokratische Fassade für die Militärdiktatur gebrauchten, sie andererseits aber auch auf die im Pentagon erarbeitete Auf-standsbekämpfungsstrategie einschworen. Doch selbst die in diesem Kontext beschlossene Agrarreform, mit der man hoffte, die Bauern im letzten Moment vom Kampf abhalten zu kön-nen, verlief ohne Erfolg. "Die Junta hielt sich nur noch durch den von den USA finanzierten und organisierten Ausbau des Militärapparates und eine beispiellose Repression an der Macht." [43] In Chalatenango und Morazán wurde bereits gekämpft. Die FMLN bereitete sich intensiv auf den Aufstand vor. Doch jeder weitere Tag, den sich ihre Offensive verzögerte, kostete Aktivisten der Volksbewegung das Leben. Der Höhepunkt der Mobilisierung war überschritten, die Volks-bewegung geschwächt, viele zum Anschluß an die Guerrilla bereite Militärs aus ihren Posten verdrängt, als die FMLN im Januar 1981 militärisch stark genug war, die Offensive zu begin-nen. In Koordination mit einem Generalstreik und der Erhebung fortschrittlicher Teile des Mili-tärs sollte die als "Endoffensive" bezeichnete Aktion die Erhebung breiter Volksschichten auslösen. Nachdem die Kämpfe 11 Tage lang gewütet hatten, ohne daß die erhoffte Insurrektion einsetzte, zogen sich die Einheiten der FMLN in die für den späteren Kampf so wichtigen Zonen unter politischer Kontrolle (auch retaguardias =Rückzugsgebiete genannt) zurück, wo sie in den nächsten Jahren auch die militärische Kontrolle errangen. Der Preis war allerdings hoch- die Städte mußten preisgegeben werden.

            Die Endoffensive markierte den offiziellen Ausbruch des Bürgerkriegs. Eine neue Etappe der Geschichte El Salvadors hatte begonnen.

 


[1] Vgl. Pearce /1986/ S. 14.

[2] Finanzierte sich die Kolonialverwaltung Ende des 17. Jahrhunderts noch zu 70% aus den Tributzahlungen der unterworfenen indígenas, ging dieser Teil auf 18% zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Um die Staatsaus-gaben zu decken, wurde zunehmend auf Steuern zurückgegriffen, die auch die Kreolen betrafen. Brignoli zitiert nach Krämer /1994/ S. 9.

[3] Im Staatswappen El Salvadors findet man noch heute eine Jakobinermütze am Freiheitsbaum.

[4] Der aus der Indigopflanze gewonnene blaue Farbstoff wurde in Europa erst durch den seit 1897 auf der Basis von Anilin synthetisch produzierten Ersatzstoff verdrängt.

[5] Die liberalen Zentralisten traten für eine Föderation der vormaligen Vewaltungsbezirke ein. Die eher konservativen Separatisten drängten auf die Spaltung der Union, da sie ihre jeweiligen Interessen in den kleineren Einheiten besser durchsetzen konnten.

[6] 1881 wurden die tierras comunales- die Gemeindeländer- per Gesetzesdekret nun auch formal enteignet. 1882 folgten die ejidos.

[7] Eines davon ist Morazán. Ich werde später noch auf diesen Punkt zurückkommen.. Vgl. Abschnitt II/ 1.

[8] Mit 33% wird Kaffee schon 1875 zum Hauptexportgut. Anfang dieses Jahrhunderts beträgt sein Anteil an den Gesamtexporten schon mehr als 75%. El Salvador entwickelt sich zur Kaffeerepublik. Menjivar zitiert nach Krämer /1994/ S. 11.

[9] Der Exkurs in Abschnitt II/ 5. widmet sich ausführlicher der Rolle, die die USA in Zentralamerika und be-sonders El Salvador gespielt haben.

[10] Vgl. Krämer /1994/ S. 12.

[11] Diesen Namen erhielt er wegen seiner seltsamen religiösen Anschauungen. Wenigstens eine seiner Perlen soll hier angeführt werden: "Es ist ein größeres Verbrechen, eine Ameise zu töten, als einen Menschen, weil der Mensch wiedergeboren wird, während die Ameise endgültig stirbt."

[12] Die erste erfolgte mit der Eroberung, die zweite mit dem Kaffeeboom.

[13] UNO- Wirtschaftskommission für Lateinamerika.

[14] Noch bis zum Spruch des Internationalen Gerichtshofes von Den Haag 1991 gab es Unklarheiten über den genauen Verlauf der Grenze. Die Auseinandersetzung drehte sich um fünf engumgrenzte Gebiete, die sogenannten buzones.

[15] Vgl. Krämer /1994/ S. 26.

[16] Menjívar zitiert nach Krämer /1994/ S. 17.

[17] Vgl. Krämer /1994/ S. 17.

[18] Menjívar zitiert nach Krämer /1994/ S. 21.

[19] Der Kaffeepreis stieg um 300%. El Salvador steigerte den Erlös aus den Kaffeeexporten in diesen zwei Jahren von 168,8 auf 460,6 Mio $. Heckhorn /1983/ S. 117.

[20] Das schlägt sich auf symbolhafte Weise im Namen der LP-28, einer der oppositionellen Organisationen, nieder, der sich auf dieses Massaker bezieht. Diese zivile, hauptsächlich von den Bauern Morazáns getragene Bewegung war engstens mit einer der Guerrillagruppen verbunden. Vgl. auch Abschnitt II/ 2.3.

[21] Eigentlich war das PRTC keine eigenständige Partei, sondern die salvadorianische Sektion der damals noch ganz Zentralamerika umfassenden Organisation.

[22] Zur Geschichte der FMLN vgl. Cienfuegos /1993/. Die Geschichte der FPL ist von Martha Harnecker /1991/ aufgezeichnet worden.

[23] Der Begriff ist schwer zu übersetzen. Am nähesten kommt ihm wohl "erweiterter revolutionärer Volkskrieg". Das "erweitert" bezieht sich dabei auf die Partizipation der Bevölkerung am Kampf.

[24] Vgl. dazu den Exkurs zur "Theologie der Befreiung " in Abschnitt II/ 2.1.

[25] Cabarrús /1983/ schildert in seiner grundlegenden Untersuchung anhand der Entwicklung in Aguilares und zwei weiteren Orten exemplarisch, unter welchen Bedingungen die Guerrilla und die "Theologie der Befreiung" zu Katalysatoren des Organisationsprozesses wurden und die Radikalisierung der Bauern beförderten. In Abschnitt II/ 2.1.-2.3. wird, wenn auch nicht in der selben Tiefe, dargestellt, wie sich dieser Prozeß in Morazán vollzog.

[26] Vgl. dazu Abschnitt II/ 2.1.

[27] Im März 1978 besetzten Mitglieder von FECCAS die Botschaften von Costa Rica, Panama, der Schweiz und Venezuela.Im Juni desselben Jahres kam es zur Besetzung des Büros der UNO und der OAS durch Angehörige der FAPU. Die Aktionen richteten sich gegen die Menschenrechtsverletzungen. Die Freilassung der politischen Ge-fangenen wurde gefordert. Die Weltöffentlichkeit sollte auf die permanenten te Unterdrückung der Zivilbevölkerung aufmerksam gemacht werden.

[28] Jung /1980/ S. 14.

[29] Zur Entstehung und Funktionsweise der Todesschwadrone vgl. Dunkerly /1986/ S. 121 f.

[30] Die Verstrickung des Militärs, der Sicherheitskräfte und der Oligarchie mit den Todesschwadronen ist im Bericht der Wahrheitskommission "De la Locura a la Esperanza" /1993/ ausführlicher beschrieben.

[31] Vgl. den Erfahrungsbericht Ana Guadalupe Martínez' /1993/, die 1976 entführt wurde und mehrere Monate in den geheimen Kerkern der Sicherheitskräfte verbrachte.

[32] Zitiert nach Krämer /1994/ S. 30.

[33] Dazu ausführlicher: Krämer /1994/ S. 33 f.

[34] In der mit eindrucksvollen Bilddokumenten reich versehenen Chronik des Equipo Maíz "No hay guerra que dure 100 años" /1993/ sind die schwersten Menschenrechtsverletzungen und Aktionen der Volksbewegung für die Zeit von 1979 bis 1991 dokumentiert.

[35] Gordon zitiert nach Krämer /1994/ S. 36.

[36] Vgl. dazu die Autobiographie Mena Sandovals /1994/ S.99- 106. Er war einer der Hauptvertreter der Juventud Militar und an der Vorbereitung des Putsches maßgeblich beteiligt. In Morazán wird er uns wieder-begegnen. Vgl. II/ 4.3.

[37] Vgl. dazu den Exkurs zur Rolle der USA in Abschnitt II/ 5.

[38] Zum Konzept der "Zonen unter politischer Kontrolle" vgl. Abschnitt II/ 2.2.

[39] Equipo Maíz /1993/ S. 22.

[40] Sie werden von vielen Autoren als eine Einheit verstanden, wenn die politischen Aspekte des Bürgerkriegs (z.B. Verhandlungen) dargestellt werden, und erscheinen dann unter der Bezeichnung FMLN/FDR.

[41] Zum psychosozialen Problem der kollektiven Traumatisierung vgl. Martín Baró /1990/.

[42] Dietrich zitiert nach Krämer /1994/ S. 41.

[43] Krämer /1994/ S. 41.